Provider sammeln Nutzerdaten zu Werbezwecken

Internet verbdinungIn Zeiten des gläsernen Bürgers und schwindender Privatsphäre haben eine ganze reihe von Internet Providern damit begonnen Technologien einzusetzen oder zu testen, die es ermöglichen das Surfverhalten ihrer Kunden auszuwerten und mit Hilfe dieser Daten personalisierte Werbung auszuliefern.

Dieser Trend ist Teil des Versuchs der Internet Service Provider (kurz ISP) ein Stück vom Online Marketing Kuchen zu bekommen, welcher an ihnen vorbeigezogen ist und die Taschen von Web Giganten wie Google, Microsoft, Yahoo und AOL bis zum Bersten gefüllt hat.

NebuAd Logo

Die Handlanger

Die Provider werden in ihrem Vorhaben von einer ganzen Reihe relativ unbekannter Firmen, welche auf Namen wie NebuAd, Phorm, FrontPorch, und Project Rialto hören. Durch Hardwareinstallationen an den Backbones der Provider zapfen diese Firmen den Datenverkehr direkt an und sammeln Informationen über jeden einzelnen Kunden um sie später für Werbezwecke zu verwenden.

In einigen Fällen werden auch schon direkte Verkäufe an Werbekunden unterstützt. Die bekannteste dieser Firmen ist NebuAd und arbeitet selbst als Werbenetzwerk, indem sie Restwerbeplätze von Netzen wie Value Click zu günstigen Konditionen erwerben und an Kunden weiterverkaufen, die zielgerichtet werben möchten. Die erzielten Gewinne werde dann zu einem Teil an die ISPs ausgeschüttet, von denen die Daten stammen.

Wir platzieren unser Equipment in den Netzwerken der Provider. Die Rolle [der Provider] ist absolut passiv. Wir verkaufen die Werbung. (NebuAd CEO Bob Dykes)

Die von NebuAd eingesetzten Geräte sind momentan zur Überwachung von 10.000 bis 30.000 Surfern gleichzeitig ausgerüstet und die Firma behauptet Verträge mit mehreren Dutzend Providern, welche mehrere Millionen Kunden bedienen, zu haben. NebuAd sitzt in den USA, ist jedoch auch in Kanada aktiv und will bald in UK aktiv werden. Eine weltweite Expansion ist nur noch eine Frage der Zeit.

Die Provider

CenturyTelEiner von NebuAds Partnern ist CenturyTel, ein Anbieter welcher auf Internetzugängen in ländlichen Gegenden der USA spezialisiert und in 26 Staaten aktiv ist. CenturyTel Sprecherin Annmarie Sartor bestätigte, dass es zurzeit einen Test in einem von CanturyTels Märkten gibt, weigert sich jedoch preis zugeben wo und mit wie vielen Teilnehmern getestet wird. Pikanter Weise wirbt CT mit dem Attribut “personal touch”.

Wir werden die Ergebnisse des Probelaufs analysieren und dann entscheiden wie wir weiter vorgehen. Falls wir uns dazu entscheiden sollten Behavioral Targeting einzusetzen werden wir unsere Kunden drüber informieren und ihnen eine Möglichkeit anbieten nicht an diesem System teilzunehmen.

Die Dimension der Überwachung

Sollten die Provider alle Datenschutzbedenken zu Gunsten der Profitgier über Bord werfen könnten sie ein Level an Surfverhaltensüberwachung erreichen, das bis jetzt unvorstellbar war. Bisher konnten auch die größten Datensammler wie Google, Facebook oder AOL (mit Tacoda) die Surfer nur beobachten wenn sie hauseigenen Seiten oder Seiten des Netzwerkes besuchten. Mehr Daten gab es höchstens von den Toolbar Nutzern.

Der größte Datenkrake dürfte wohl Google mit der Google Suche, Blogger.com, Analytics, AdSense, Double Click und einer 5% Beteiligung an AOL sein.

Wir sehen alle Suchanfragen, wir sehen alle Besuche auf diesen Netzwerken und dazu sehen wir auch noch jede andere Website. Die momentan existierenden Netzwerke haben nur ein sehr limitiertes Wissen über das Verhalten eines Menschen und sind häufig von Tracking-Cookies abhängig. Sie mögen so in etwa wissen wo du zuletzt warst, das ist alles.

Ferner kritisiert Dykes die anderen Behavioral Advertising Netze dafür, dass sie meist nur sehr grobe Informationen über die Interessen von Kunden hätten. Mit NebuAd soll das besser werden:

Wir teilen Interessen heute in 800 Segmente ein und wir erwarten diesen Wert noch zu vertausendfachen. Die Genauigkeit interessenorientierter Werbung lässt sich damit auf eine ganz neue Skala heben.

Anders als früher werden also nicht mehr nur Ausschnitte des Surfverhaltens ausgewertet sondern wirklich der komplette Datenverkehr der durch die Leitung kommt. Und das schließt E-Mailverkehr, private Nachrichten auf Communities und Instant Messaging mit ein!

Dave Morgan, Gründer von Tacoda und leitender Angestellter bei AOL stimmt zu:

[Überwachung auf Provider Ebene] liefert sehr genaue Daten über kleine Gruppen von Leuten im Gegensatz zu ungefähren Daten zu einer großen Gruppe.

AOLMorgan ist, als Verantwortlich für AOLs globale Werbestrategie, in einer einmaligen Position diesen Trend zu beobachten. Nicht nur, dass er mit Tacoda eine Behavioral Targeting Firma gegründet und für mehrere Jahre geleitet hat, er ist auch ein hohes Tier bei einem der größten ISPs weltweit mit allein 10 Millionen Kunden in Nordamerika. Trotz dieses perfekten Zusammenspiels sagt AOL, dass solche Überwachungstechnologien im eigenen Netzwerk (noch) nicht verwendet werden. Man will erst die Resultate der Mitbewerber abwarten.

Die Kritiker & das Beruhigungsgesülze

NabuAd sagt, dass sie keine sensiblen Daten wie den Besuch von Sex- oder gesundheitsorientierten Seiten tracken würden und besteht darauf dass ihre Technologie jede Möglichkeit eliminiert, dass Dritte Daten speichern mit denen einzelne Personen identifiziert werden könnten. Dennoch scheint man besorgt um das eigne Ansehen und hat bereits beim FTC (eine Mischung aus Kartellaufsichts- und Verbraucherschutzministerium) angeklopft. Die US Behörde hat sich jedoch geweigert NebuAds Geschäftsmodell zu ratifizieren.

Wenn du davon redest, Zehntausende von Menschen zu überwachen, klingt das ziemlich bedrohlich. Darum müssen wir in der ersten Reihe stehen wenn es um Gespräche zum Thema Privatsphäre geht. (Dryke)

Die meisten Provider lassen ähnliche Töne erklingen. Etwa CenturyTel:

Es ist in unserem Interesse keine Daten preis zugeben mit denen einzelne Kunden identifiziert werden könnten.

Doch sogar AOL gibt zu, dass ein gewisses Risiko besteht, da niemand überwachen kann, welche Daten NebuAd und andere speichern. Morgan spricht den Alptraum jedes Datenschützers aus:

Für einen Provider ist es wichtig so effektiv [und profitabel] wie möglich zu arbeiten und dafür muss jedes einzelne Paket gesnifft, analysiert und schließlich einen bestimmten Kunden zugeordnet werden, was bedeutet, dass zuerst auch sämtliche persönlichen Daten durchgesehen werden müssen bevor man anonyme Profile erstellen kann. [...] Sie [die Provider] müssen eine ganze Menge privater Informationen verwalten und durchsuchen und dann Algorithmen festsetzen mit denen persönliche Daten nicht gespeichert werden. Und wenn sie in diesen Regelsätzen einen einzigen Fehler machen haben sie auf einmal doch persönliche Daten gespeichert.

Dyakes sieht das natürlich ganz anders:

Anstatt private Informationen herauszufiltern suchen wir den Datenverkehr der Internetnutzer nur nach Daten ab, die ein Interesse an bestimmten kommerziellen Angeboten erkennen lassen. Zu keiner Zeit werden persönliche Daten gespeichert.

Auch Emily Riley, Analystin beim Marktforschungsinstitut Jupiter Research, prophezeit bedenkliches:

Die Überwachung des Surfverhaltens auf ISP Ebene [...] gibt ihnen die Möglichkeit sehr akkurate Profile einzelner Kunden zu erstellen.

Die Auswirkung dieser Technologien auf die Endkunden wird hauptsächlich davon bestimmt sein wie aggressiv die Provider zu einzusetzen bereit sind. Viele Anbieter die ClickZ zu diesem Thema befragen wollte haben nicht geantwortet und Branchenkenner gehen davon aus, dass mehrere hundert Anbieter derartige Tests laufen.

Wie können die Verbraucher sich wehren?

Morgan weiter:

Ich glaube die Menschen haben noch nicht erkannt wie schnell sich diese Firmen ausbreiten. Sie sind schnell! Und die einzige Frage die sich stell ist, wie viele der großen Anbieter mitspielen.

Für die großen Provider ist die Versuchung ihre Daten für den Werbemarkt zu verwenden enorm groß. Auch wenn sie Petabyte von Traffic bewegen müssen, kriegen sie von dem immer größer werdenden Online Werbe Boom nichts ab.

FacebookDas einzige was die Provider noch aufhalten könnte wäre ein extrem negatives Echo der Endverbraucher. So ist es schon mit der personalisierten Werbung geschehen die auf Facebook und der deutschen Kopie StudiVZ eingesetzt werden sollte. Nach massiven Kundenprotesten wurde weit zurückgerudert.

4 thoughts on “Provider sammeln Nutzerdaten zu Werbezwecken

  1. Zuimdest im alten Europa gilt immer noch das Fernmeldegeheimnis (zumnidest auf dem Papier) – eines der höchsten Errungenschaften unseres demokratischen Rechtsstaates. Sollten auch hierzulande solche Machenschaften Einzug halten, wird es eine ganze Reihe Proteste und Strafanzeigen hageln. Behavioral Stalker gehören gesellschaftlich geächtet!

  2. Pingback: Wie mächtig ist Google wirklich

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